Für Deutschland hat die Region Mittel- und Osteuropa (MOE) eine enorme wirtschaftliche Bedeutung. Fast zehn Prozent aller deutschen Auslandsinvestitionen finden sich in den Ländern Mittel‐ und Osteuropas, über zehn Prozent der deutschen Exporte gehen in die Region. Auch im Hinblick auf die aktuelle Ukrainekrise und ihre Folgen befasste sich deshalb die Jahreskonferenz des Deutschen Ostforums München (DOM) in Kooperation mit dem OstWestWirtschaftsClub ( OWWC ) mit dem Brennpunkt Osteuropa. Im Garmisch-Partenkirchener Hotel Riessersee beleuchteten hochkarätige Referenten 25 Jahre nach dem Ende des kommunistischen Herrschaftsmonopols in allen Ostblockstaaten außer Russlands sowie zehn Jahre nach der ersten Osterweiterung der Europäischen Union die rasante Entwicklung, die realistischen Chancen, Risiken und Fakten der Region. Die Diskussion leitete Peter Mezger, der frühere TV-Moderator des „Weltspiegel“ und des Politmagazins „Report“ sowie ehemaliger ARD-Korrespondent für Israel, Iran, Türkei, Italien, Vatikan, Malta und Griechenland.

Das Ergebnis fasste DOM-Präsident Uwe Lamann so zusammen: „Die Zusammenarbeit mit Russland ist schwierig geworden. Die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen erreichen ein Tiefpunkt. Die ganz besondere Freundschaft zu Russland ist nicht mehr vorhanden. Ich hoffe, dass der verbalen Aufrüstung keine militärische Verschärfung folgt.“ Erfreulich seien allerdings die wirtschaftliche Situation und die Zukunftsaussichten in den anderen Ländern. Attraktivste Investitionsziele in der Region Mittel- und Osteuropa sind Polen vor Tschechien und Estland. Lamann mahnte an, den Dialog mit den Ländern Osteuropas weiter fortzusetzen und zu intensivieren: „Denn die Beziehungen besonders zu Russland lassen sich nur durch persönliche Gespräche verbessern.“ Der DOM-Präsident kündigte eine aktive Rolle bei der Pflege der Beziehungen zu den Ländern Osteuropas an: „Es ist ein Anliegen des DOM-Netzwerkes mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wisssenschaft, Kultur und Politik ein Forum zum Austausch und zur Begegnung zu schaffen. Die gleichen Erfahrungen muss man nicht zweimal machen.“

Wie aktuell Unternehmen mit den neuesten Herausforderungen umgehen, berichtete Dr. Klaus Probst, der Vorstandsvorsitzende der Nürnberger Leoni AG, einem der weltweit führenden Anbieter von Drähten, optischen Fasern, Kabeln, Kabelsystemen und der dazugehörigen Dienstleistungen für die Automobilbranche sowie weitere Industrien. Trotz der Ukrainekrise liefen die Geschäfte des Autozulieferers in der Region gut. In dem Werk im Westen der Ukraine gebe es in den Produktionsabläufen „keine nennenswerten Beeinträchtigungen.“ Spürbar sei etwa, dass von den rund 5500 Mitarbeitern einige Männer zum Militär eingezogen worden seien. Die Belegschaft sei indes überwiegend weiblich und insgesamt „hoch motiviert.“
In Russland dagegen beliefert Leoni von zwei Standorten aus lokale Pkw- und Lkw-Hersteller. „Die Abrufzahlen der Kundschaft seien niedriger als geplant,“ sagte Probst mit Blick auf die Talfahrt der Fahrzeugmärkte. Dies führe zu weniger Umsatz, der noch dazu vom schwachen Rubel in Euro umgerechnet werde. Trotzdem liege das Geschäft über dem Vorjahresniveau, auch wenn es sich nicht um Riesenvolumina handle.

Über die Erfolgsgeschichte der EU-Osterweiterung referierte Prof. Gabriel Felbermayr, der Leiter des ifo Zentrums für Außenwirtschaft und CESifo Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Er betonte: „Fünf Prozent der deutschen Wertschöpfung sind auf Exporte in die mittel- und osteuropäischen Staaten zurückzuführen. Durch das Importieren von günstigen Vorleistungen aus diesen Ländern sind deutsche Produkte auf den Weltmärkten wettbewerbsfähiger geworden.“ Außerdem wurden durch die Osterweiterung in Deutschland und auch Bayern nicht nur Arbeitsplätze gesichert sondern auch etwa 500.000 zusätzliche Stellen geschaffen. Sein Rezept für einen nachhaltigen Wachstumskurs in der Ukraine: „Polen sollte als Vorbild dienen. Vor allem die Korruptionsbekämpfung und die Abschaltung der alten Netzwerke müssen zur Not mit der Brechstange durchgesetzt werden.“ Ähnliche Probleme sieht Felbermayr auch in Rumänien und Bulgarien: „Sie leiden massiv darunter, dass alte Netzwerke aus der Zeit des Ostblocks aktiviert wurden.“

Die Situation in Polen als erfolgreichstes EU-Beitrittsland nach der Osterweiterung analysierte Michael Kern, Vorstandsmitglied und Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Polnischen IHK (AHK) und Leiter der Bayern-Repräsentanz in Polen. Er bezeichnete Deutschland als mit weitem Abstand wichtigsten Handelspartner für Polen. Die Auswirkungen der Ukrainekrise schätzt er für Polen als „moderat“ ein: „Nur im Lebensmittelbereich mit Obst, Gemüse und Fleisch sind Einbußen bis zu 80 Prozent zu beklagen.“ Als das Non-Plus-Ultra für Polen in der gesamten Diskussion nannte Kern die Energie- und Versorgungssicherheit: „Die Polen wollen unter allen Umständen unabhängig von Russland sein.“

Weitere Vorträge bei der DOM-Jahreskonferenz:

Prof. Dr.-Ing. Josef Nassauer, Honorarprofessor der Technischen Universität München, sprach über „Innovationen, Trends und Perspektiven auch in Osteuropa.“

Johannes Feldmayer, Generalbevollmächtigter der HEITEC AG, referierte über das enorme Wirtschaftswachstum in der Türkei und das zukünftige Potential des Landes.

Eberhard Sinner, der ehemalige bayerische Staatsminister und Präsident des OWWC Bayern befasste sich mit der  „Donaustrategie – Wachstumsmotor für Bayern und Osteuropa.“